Am Anfang war die Idee - dann das Dazwischen.

Am Anfang war die Idee - dann das Dazwischen.
“Unter der Dusche ist es mir plötzlich eingefallen.” - Die Idee ist da, was dann?
Wenn’s um Kreativität geht, dreht sich viel um diesen Initialfunken - den Moment des Einfalls. Doch was ist mit dem weniger häufig Besprochenen: dem was nach der Idee und vor der erfolgreichen Umsetzung kommt: Dem Dazwischen.]

 

I somehow have to capitalize on the excitement of me getting that idea and see it all the way through. (Taylor Swift) 

Aus der Dusche kommend, was würdest Du tun? 
A - direkt loslegen? 
B - die Idee jemandem erzählen 
C - erstmal weiter damit umgehen? 

 

Michelangelo Sistine Chapel study 1510,  British Museum London.

 

Der große Kreativitätsforscher Mihaly Csikszentmihalyi hat in der Arbeit mit Kunststudent:innen festgestellt, dass die Gruppe, die sich nach einem Einfall nicht direkt ins Handeln stürzt, sondern sich zunächst weiteren Experimenten, Forschungen und auch Zweifeln überlässt, insgesamt erfolgreichere Ergebnisse produziert. 
Das überrascht heute, wo Geschwindigkeit wichtig und Umsetzung noch wichtiger scheint. 
In dem Drehen und Wenden einer Idee und der inneren Kapazität sich auch Unsicherheiten noch eine Weile länger zu stellen jedoch, können sich Ideen vertiefen und zu ihrem größeren Potenzial schärfen.
“Inkubationszeit” nennt Steve Johnson die Zeit Dazwischen, die bei mancher Idee auch Jahre dauern mag - vielleicht gerade bei den Großen. (Wir erinnern uns, Goethes erste Ideen zu Faust lagen 40 Jahre zurück als er schließlich begann.) 
Ihr naht euch wieder, schwankende Gestalten,
Die früh sich einst dem trüben Blick gezeigt.
Versuch ich wohl, euch diesmal festzuhalten?
Fühl ich mein Herz noch jenem Wahn geneigt?
Ihr drängt euch zu! nun gut, so mögt ihr walten,
Wie ihr aus Dunst und Nebel um mich steigt;
Mein Busen fühlt sich jugendlich erschüttert
Vom Zauberhauch, der euren Zug umwittert. 
(Goethe, Vorwort Faust 1, 1808)
Wer weiß wie der Faust 40 Jahre zuvor gewesen wäre? 
Im “Slow Lunch” (Johnson) liegt das Potenzial, die eigene Vision zu vergrößern -  und sich auch zu anderen Ideen zu positionieren und in Verhältnis setzen. Und - nicht jede Idee fällt uns blitzartig unter der Dusche ein, einige erst als Ahnung vorhandene Ideen werden im Gespräch (wieder) wachgeküsst.

Creation of Adam, Michelangelo (1475–1564), Sistine Chapel Ceilinng, 1511.  

Was heißt das jetzt für unser Duschexperiment? 
Vielleicht setzen wir uns das nächste Mal hin und schreiben Sie auf, die erste Idee. Und gleich dazu, was und wer uns noch dazu einfällt. Und dann nehmen wir uns erstmal Zeit für Research, Experimente und Austausch. Und den Zweifel, den nehmen wir mit. 

 

Quellen:

Goethe: Faust 1 1808.
Swift Breaks Down her Creative Process | Miss Americana | Netflix_2020
Steven Johnson, Where Good Ideas Come From: The Natural History of Innovation, 2010. 
Mihaly Csikszentmihalyi, Flow und Kreativität Wie Sie Ihre Grenzen überwinden und das Unmögliche schaffen, Klett-Cotta, 201
Bilder: Michelangelo, Public domain, via Wikimedia Commons.